Freies Spiel in der kindlichen Entwicklung und warum offene Materialien mehr Spiel ermöglichen.

Seit 10 Jahren gibt es Kokomoo, seit noch einigen Jahren mehr bin ich Pikler® SpielRaum Leiterin. Das Jubiläum hat mich dazu inspiriert einen ausführlicheren Artikel über das freie Spiel und über die damit oft verknüpften offenen Spielmaterialien zu schreiben.

Denn: Hast du schon einmalmal ein spielendes Kind beobachtet?

Zugeschaut – ja. Aber so richtig beobachtet, was es macht, wenn es spielt, wenn es mit seiner ganzen Aufmerksamkeit sich einem Ding hingibt – wie es begreift, es betastet, es kennenlernt. Kannst du es sehen? 

Das Kind ist ganz eins mit sich selbst. Kinder erfahren sich selbst durch Spielen, sie lernen dadurch ihr Gegenüber und die Welt, in der sie leben kennen.

Kannst du die Freude des Kindes wahrnehmen, wenn es ganz im Spiel versunken ist.

In seiner Welt, in „seinem eigenen Haus“? Mit jeder Erfahrung wird Entwicklung möglich.

Freies Spiel ist für mich das zentrale Element in der Entwicklung des Kindes, für seine Weltaneignung und wird nicht nur von mir, sondern noch besser, in den verschiedenen pädagogischen Ansätzen, auch in der Pikler-Pädagogik, hoch geschätzt. Also gleich mal die erste und allerwichtigste Frage - und ja, ich hab sie schon oft gestellt bekommen: 

Was ist denn eigentlich das freie Spiel, welche pädagogischen Konzepte haben sich mit freiem Spiel beschäftigt?

Diese mir so oft gestellte Frage möchte ich euch natürlich ausführlich beantworten. Aber gleich mal vorne weg meine ganz persönliche Herzenseinstellung dazu: ganz egal wer sich über die Zeit pädagogisch-wissenschaftlich mit der Frage des freien Spiels beschäftigt hat, "frei" ist ein ureigener Aspekt des Spiels. Es ist für mich erst dann "Spiel", wenn Herz und Kopf frei sind zu spielen.

Und "pädagogischer" erklärt:
Freies Spiel bedeutet, dass Kinder ihre eigenen Aktivitäten wählen und ihre Umgebung ohne Einmischung von Erwachsenen erkunden können. Sie bestimmen selbst Thema, Ablauf und Regeln ihres Spiels, was ihnen ermöglicht, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und eigene Welten zu erschaffen. Der Blick auf das freie Spiel hat sich im Laufe der pädagogischen Geschichte natürlich auch weiterentwickelt.

Ein Kind spielt konzentriert mit offenen Spielmaterialien von Kokomoo, wie Mandala Legematerial, Tücher, Körbe.Friedrich Fröbel, als der Begründer des Konzepts "Kindergarten" genannt, war einer der ersten, der, übrigens im frühen 19. Jahrhundert, Bildung kindgerecht gestalten wollte – mit viel Spiel, Bewegung und eigener Entdeckung. Er sah Kinder als aktive, kreative Wesen und das Spielen bereits als tiefen Ausdruck kindlicher Entwicklung.

Und dann, zirka 100 Jahre später rückte Maria Montessori die Selbsttätigkeit des Kindes in den Mittelpunkt. Es ging ihr weniger um offene Spielmaterialien oder der Fantasie freien Lauf zu lassen, als darum, dass das Kind durch seine innere Motivation angetrieben, selbständig entscheidet, womit es sich beschäftigt.

Spielen beschäftigte im Laufe des 20. Jahrhunderts viele Theoretiker, die sich mit Lernen, Bildung und der kindlichen Entwicklung auseinander gesetzt haben. Für Jean Piaget wurde Spiel als aktiver Prozess der Welterkenntnis beschrieben, Lev Vygotsky betonte dessen soziale Dimension. Und Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorf Pädagogik betonte die Wichtigkeit von freiem, fantasievolles Spiel mit einfachen Mitteln und wenig Anleitung.

In den Arbeiten der Kinderärztin Dr. Emmi Pikler, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein Säuglingsheim in Budpest leitete, findet sich schließlich ein Verständnis, das unserem heutigen sehr nahekommt: freies Spiel als selbstinitiierte, ungestörte Tätigkeit, getragen vom Vertrauen in die Eigenkompetenz des Kindes. Für Emmi Pikler war auch die autonome Bewegungsentwicklung sehr wichtig, sie lebte und arbeitete ja mit Babys und Kleinkindern.

Jedenfalls zeigt sich über die Zeit hinweg eine Entwicklung hin zu einem immer klareren Vertrauen in die Fähigkeit des Kindes, sich die Welt aus eigener Kraft anzueignen. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, den Kindern die notwendige Umgebung für diese Kraft zu bieten.

Warum ist freies Spiel wichtig? Was genau wird durch freies Spiel gefördert?

Die einfachere Frage wäre: was wird nicht gefördert? ;-)

Kurz und prägnant formuliert: Durch das freie Spiel entdecken Kinder ihre Umwelt, entwickeln motorische Fähigkeiten und stärken ihr Selbstbewusstsein. Spielerisch lernen, wie Menschsein funktioniert. Im besten Sinne. Und im Detail:

Kreativität und Fantasie:
Im freien Spiel tauchen Kinder in ihre ganz eigene Welt ein – ein Stuhl wird zum Piratenschiff, ein Tuch zur königlichen Robe. Sie erfinden Geschichten, schlüpfen in Rollen und gestalten ihre Realität neu. Dabei entfalten sie eine lebendige Vorstellungskraft, die sie trägt, stärkt und ihnen erlaubt, ihre inneren Bilder nach außen zu bringen.

Sozialkompetenz:
Wenn Kinder miteinander spielen, entsteht ein kleines soziales Universum: Sie verhandeln, lachen, streiten und versöhnen sich wieder. Sie lernen, ihre Bedürfnisse auszudrücken, auf andere einzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden. Im freien Spiel wachsen Empathie, Rücksichtnahme und das Gefühl: Ich bin Teil einer Gemeinschaft. Man kann sagen, freies Spiel ist gelebte Partizipation, denn es geht um Mitbestimmung, Mitsprache und "gehört werden" - eigentlich schon eine gute Basis zur Demokratiebildung. Und mal ehrlich: in Zeiten wie diesen hoffen wir auf die Generation von morgen.

Kognitive Fähigkeiten:
Spielerisch stellen sich Kinder Herausforderungen: „Wie baue ich einen stabilen Turm?“ „Was passiert, wenn…?“ Mit Neugier und Ausdauer probieren sie aus, verwerfen, denken neu. So entwickeln sie ganz nebenbei Problemlösungsstrategien, entdecken Zusammenhänge und erleben die Freude am eigenen Denken.

Motorische Fähigkeiten:
Ob klettern, stapeln, balancieren oder greifen – im freien Spiel ist der ganze Körper beteiligt. Kinder spüren sich selbst, erweitern ihre Bewegungsmöglichkeiten und gewinnen Sicherheit. Jede Bewegung, ob fein oder kraftvoll, stärkt ihr Körpergefühl und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

In welchem Alter ist freies Spiel relevant?

Freies Spiel ist in allen Altersstufen der Kindheit von Bedeutung. Bereits Säuglinge profitieren von unstrukturierten Spielphasen, in denen sie ihre Umgebung erkunden können, ihrem Alter und ihrem Tempo gerecht.

Vielleicht magst du die Artikel lesen, die wir über die Spielentwicklung des Babys von 0-18 Monate geschrieben haben?

Mit zunehmendem Alter werden die Spielhandlungen komplexer, und das freie Spiel bleibt ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung bis ins Schulalter. Die Wahl der Spielmaterialien ändert sich teilweise, aber offene Spielmaterialien wachsen mit, sofern die Qualität, und darauf legen wir ja bei Kokomoo besonderen Wert, stimmt. Das ist für uns eine Herzenssache, weil eine Entscheidung für langlebiges Material ist gleichzeitig auch eine nachhaltige Entscheidung und nebenbei erleben die Kinder auch den Wert von Spielsachen.

Wie kann freies Spiel im Kindergarten oder der Kinderkrippe gefördert werden und was ist dabei die Aufgabe der Pädagog:innen?

Eigentlich ist es im Kindergarten und der Kinderkrippe recht ähnlich zu Zuhause auch. Die Pädagog:innen (und daheim die Eltern) spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung des freien Spiels:

  • Vorbereitete Umgebung: Ein anregender Raum mit vielfältigen, offenen Materialien lädt zum Entdecken und Spielen ein.
  • Beobachtung: Statt aktiv einzugreifen, beobachten Pädagog:innen das Spiel der Kinder, um deren Bedürfnisse und Interessen zu erkennen.
  • Unterstützung bei Bedarf: Bei Konflikten oder Unsicherheiten stehen sie den Kindern unterstützend zur Seite, ohne das Spiel zu dominieren.
  • Zeit und Raum: Den Kindern ausreichend Zeit und Raum für ungestörtes freies Spiel ermöglichen.

Offenes Spielmaterial für die Förderung des freien Spiels nach Pikler

Um das freie Spiel optimal zu unterstützen, ist die Auswahl des richtigen Spielmaterials entscheidend. Sogenanntes "offenes Spielmaterial" – also Materialien, die vielfältige Verwendungsmöglichkeiten bieten und die Fantasie der Kinder anregen fördern alle möglichen Arten des freien Spielens.

Das können ganz einfache Gegenstände wie Becher, Bälle, Schaufeln, Ringe oder Dosen sein. Eigentlich Alltagsgegenstände, die du sicher auch zuhause hast. Speziell entwickelte Spielgeräte wie das Pikler-Dreieck gibt es auch, es fördert die motorische Entwicklung und Eigenständigkeit des Kindes. Und es gibt auch jede Menge fantastisches Pikler-Material zwischen Alltagsgegenständen und speziell von Dr. Emmi Pikler entwickelte, motorisch fördernde Spielgeräten.

Was macht gutes offenes Material für mich aus?

Vielleicht mag es zu emotional klingen, aber das ist es was ich fühle und erfahre, wenn ich Kinder beim Spielen begleite: Die wichtige Rolle des Spielmaterials für das freie Spiel ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Denn in meiner Arbeit mit Kindern zeigt sich einfach immer wieder: Materialien beeinflussen sehr stark, wie Kinder spielen. So manche Spielmaterialien geben sehr genau vor, was entstehen soll. Andere lassen dem Kind Raum.

Mit offenen Materialien meine ich Materialien, die nicht festlegen, was daraus werden soll, sondern viele Möglichkeiten zulassen.

Gerade diese Offenheit macht den Unterschied. Besonders gut lässt sich das beobachten, wenn Kinder mit Materialien spielen, die keine feste Funktion vorgeben.

Und dann kann ich mitverfolgen, was aus Material im Spiel entstehen kann, das einfach alles sein kann. Wenn ganze Werke aus der Fantasie des Kindes geformt werden. Je "freier" das Material, desto "unendlicher" wird das Schaffen des Kindes. Nur dem inneren Bauplan folgend. 

Becher, Figuren und ähnliches offenes Spielmaterial werden von einem Kind zu einer Art "Stadt aus Türmen" zusammen gestellt und gebaut.

"Wenn Material nichts vorgibt, beginnt das eigentliche Spiel."

Denn: ein gutes Spielmaterial sagt nicht: So musst du mich verwenden.

Es stellt eher eine Frage:
Was könnte ich sein?

Ein Holzteil wird zum Boot.
Ein Band zur Decke.
Eine Schale zum Haus.

Nicht das Material bestimmt das Spiel.
Das Kind bestimmt, was daraus wird.

Oft entstehen dabei ganz von selbst kleine Ordnungen. Kinder beginnen zu sortieren, zu vergleichen und Muster zu bilden – nicht weil jemand es verlangt, sondern weil sie Zusammenhänge entdecken wollen.

Sie legen Reihen.
Sie gruppieren Farben.
Sie kombinieren Formen.

Dabei entstehen wichtige Erfahrungen ganz nebenbei.

Ein Kind bastelt sich sein eigenes kleines Reich aus einem großen Karton und Klebeband, eine Situation des freien Spiels.
Die Lust des Kindes am Spiel gilt als wesentliches Bedürfnis seines Seins“.

Ein Kind sitzt in seinem Kartonhaus und schaut auf die Fächer, die es mit kleinen Karton gebaut hat und mit Spielsachen gefüllt.

Ideen für offenes Spielmaterial für zuhause

Die Auswahl des Spielmaterials sollte stets dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen und ihm die Möglichkeit bieten, eigenständig zu explorieren und zu lernen. Durch die Bereitstellung einer sicheren und anregenden Umgebung mit geeignetem Spielmaterial können Pädagog:innen und Eltern das freie Spiel und somit die ganzheitliche Entwicklung des Kindes unterstützen.

Alltagsgegenstände - in jedem Zuhause parat

Tücher, Schals, Decken oder Kissen, Kartons in verschiedenen Größen sowie Becher, Dosen, Schalen oder einfache Küchenutensilien wie Löffel, Schneebesen und Trichter laden Kinder dazu ein, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und immer wieder neue Spielideen zu entwickeln. Schau dich zum Beispiel mal bei den Grapat Spielmaterialien um.

Naturmaterialien - schnell gesammelt

Nehmt von jedem Ausflug in die Natur offenes Spielmaterial mit nach Hause. Das können Steine, Stöcke, Kastanien oder Blätter sein.

Bau- und Konstruktionsmaterial - gekauft oder zweckentfremdet

Bauplatten oder einfache Bausteine - ob aus Holz oder buntem Acrylglas, wie die Lichtbauquader von Bauspiel, Holzreste oder leere Schachteln sowie Magnetbausteine oder einfache Stecksysteme laden Kinder zum konstruieren ein und dazu eigene Ideen kreativ umzusetzen.

    Kreativ- und Bewegungsmaterial - große Wirkung

    Seile, Bänder und Wäscheklammern zum spannen und verbinden, Kissen zum Bauen und Verstecken, dazwischen Stapelsteine® zum Klettern und Balancieren. Nie verkehrt: Karton und Papier in großen Mengen sowie Stifte und anderes Malmaterial um der eigenen Fantasie noch mehr Ausdruck zu verleihen.

    Egal, was du deinen Kindern an offenem Material anbietest, denke immer daran: wenige, vielseitige Materialien reichen völlig aus. Und noch wichtiger, halte dich zurück:

    • Gib keine „richtige Lösung“ vor
    • Gib deinem Kind Zeit, eigene Ideen entstehen zu lassen
    • Beobachte statt lenke

    Denn genau hier passiert das Entscheidende:
    Aus einfachen Dingen wird im Spiel eine ganze Welt.

    Kinder sind neugierig. Sie wollen das Neue, das Unbekannte erforschen. Und Spiel hilft ihnen auf heilsame Art und Weise, das Erlebte zu verstehen, zu verarbeiten. Lerne das Spiel als fortwährende Entdeckungsreise deines Kindes sehen. Eine Reise die das Erfahren der Zusammenhänge von Innen und Außen, von Raum und Zeit möglich macht.

    Denn wir sagte auch schon Albert Einstein?

    "Spiel ist die höchste Kunst der Forschung."

    Aus diesem Artikel

    Die 18 verschiedenen Spielmaterialien Grapat "Insects" kleine Krabbeltiere aus Holz zum Spielen in drei Kreise aufgelegt.
    bald wieder da

    Krabbeltiere

    € 28,90
    Zwei kleine Holzteller aus Ahornholz, unterschiedliche Größen, liegen nebeneinander. Es liegt jeweils eine Eichel auf den Tellern.

    Holzteller Ahorn

    ab € 3,90
    Sechs Grapat bunte Holzbecher mit Deckel in den Regenbogenfarben sind nebeneinander aufgestellt.
    bald wieder da
    Ein Kind baut mit Natur-Holz-Bausteinen eine Reihe und ist dabei tief konzentriert, wohin es den nächsten Bauklotz platzieren soll.
    in Aktion

    Holzbausteine Wald

    € 17,90 € 19,90